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Dr. Ulrike Schrader - Auschwitz

Am 13. Februar 1996 fuhr eine Gruppe von zwanzig Studierenden der Bergischen Universität GH Wuppertal nach Polen, um dort das Konzentrationslager in Oswiecim (Ausch-witz) aufzusuchen. Vor der Fahrt hatte sich die Gruppe über mehrere Monate hinweg regelmäßig zusammengefunden und, auseinandergesetzt mit dem Nationalsozialismus bzw. dem Neofaschismus heute.

...Die Unmöglichkeit, das Gefühl bei dem Gedanken an die Massenvernichtung von vier Millionen einzelner Menschen allein im Lager Birkenau in wenigen oder vielen Worten zu erfassen, ist ein tiefer Bestandteil dessen, was zu sehen sein wird auf den folgenden Seiten. Die Sprachlosigkeit der einzelnen Besucherinnen gegenüber den dort im Lager direkt spürbaren, dennoch nicht fassbaren Gräueltaten des Holocaust, hat dazu geführt, dass die Empfindungen der Besucherinnen sich vor allem in Zeichnungen manifestierten. Wichtig ist vielleicht zu sagen, dass sich hinter den meisten der Zeichnungen keine ausgebildeten Künstlerinnen verbergen, sondern StudentInnen verschiedener Fachrichtungen, die sich größtenteils kaum je mit diesem Medium beschäftigt hatten, so dass die Zeichnungen vor allem als intuitiver Akt betrachtet werden können. Zu den Zeichnungen kann und soll jetzt nicht mehr gesagt werden, als bereits gesagt worden ist: sie sprechen fürsi.ch mit einer schrecklichen Intensität, sind Ausdruck einer jeweils eigenen Sprache einzelner Individuen.

Was hat ein Künstler in Auschwitz, in Birkenau zu suchen? Was kann er dort finden, wenn doch jede Nutzung als Inspirationsquelle sich von selbst zu verbieten scheint? Verdächtig alle Kunst, die nach Auschwitz, sogar in Auschwitz entstand wegen Auschwitz?

Tatsächlich gibt es nicht viel, das unverdächtig ist. Immer gibt es diese Gratwanderung zwischen bloßem Dokument und ästhetisierendem Stillleben.

Was findet ein Künstler in den Resten des Lagers? Andreas Junge war zunächst ratlos mit seinen Funden, und dass sie jetzt gedruckt, vervielfältigt und zum Verkauf vorliegen, ist ein Kompromiss, der geschlossen wurde, um anderen diese Funde zeigen zu können. Es sollte doch nicht verborgen bleiben,wie einer sich den Resten genähert hat, und zwar auf eine sehr intime Weise. Die Technik der Frottage setzt unmittelbare Nähe zum Objekt voraus, derart, dass auf der Rückseite der Blätter noch Spuren - Staub, Holz, Farbe, Schmutz - auszumachen sind. Der Künstler hat sich seiner Objekte bemächtigt und unterworfen zugleich, denn sie sind es, die die Zeichnung bestimmen durch ihre Struktur: Maserung des Holzes, Gitter eines Abflusses, metallische Glätte des Gucklochs in der Hungerzelle, (Pappmaché-Gebirge der Todeswand. Zu sehen sind mehr oder weniger abstrakte Zeichnungen, deren absolut konkreter Bezug nur durch die gnadenlose Titelei zu erkennen ist. Übrigens ist doch interessant, dass vergleichbar erschütternd die Fotos von Naomi Tereza Salmon sind - als brutale Asservatensammlung von Habseligkeiten der ermordeten Häftlinge. Salmon demonstriert die erbärmlichen Gegenstände in fotografischer Perfektion und mit allen Details, aber aus der Distanz, durch die Fotografie. Andreas Junge dagegen fühlt die Spuren physisch nach, er bricht die Tabus der Auschwitzbesuch-Etikette und fasst die Türen und Bretter an, kriecht in die Öfen hinein -aber zu sehen ist am Ende bloß Diffuses.

Aus der Serie heraus fallen zwei Blätter: Frottagen des Gedenkstättenplans für Blinde, die Frottagen von Karten in Brailleschrift. Visuell wird dadurch für den Sehenden, was für den Blinden "im Original" ertastbar und lesbar ist. Das Thema der Frottage ist im zufälligen Fund dieser Spezialinformation des Museums die Frottage selbst.

Die Technik, berühmt geworden durch Max Ernst, wird diktiert vom Objekt. Andreas Junge hat dem nichts hinzugefügt, weder Farbe noch Collage noch andere Mittel, die er für gewöhnlich gern benutzt. Der Künstler hat sich bis an die Grenze der Ent-individualisierung zurückgenommen: jeder hätte das machen können...

Wenn die Kunst mit dem wachsenden zeitlichen Abstand von der Ermordung der Juden vielleicht am Ende als einzige Möglichkeit bleiben wird, um angemessen dieses Mordens zu gedenken, und wenn Künstler zunehmend unter den Druck dieses Anspruchs geraten, dürfen die Funde von Andreas Junge nicht übersehen werden.

Frottagen sind Spuren und Beweise eines Kontakts. Die Berührung, die den Menschen Andreas Junge fraglos ergriffen hat, kehrt sich um im Zeugnis einer erwidernden Berührung: im Blatt, das zwischen Objekt und Graphit gelegen hat.